Chaga: Wirkung, Tee-Zubereitung und Herkunft des Birkenpilzes
Ein Esslöffel in warme Pflanzenmilch, umrühren, fertig. Was in der Tasse steht, ist dunkel, röstig und cremig, hat kein Koffein und schmeckt eher nach Kaffee als nach Tee. Wer einen ausgekochten Chaga oder unseren Chaga Latte mit Lupinen zum ersten Mal trinkt, kommt selten darauf, dass der Hauptbestandteil an einem Birkenstamm gewachsen ist.
Chaga sieht aus wie eine verkohlte Wunde am Baum. Eine schwarze, rissige Knolle, die aussieht wie Kohle — und wenn man sie aufbricht, leuchtet das Innere rostbraun bis goldocker. Es ist einer der eigenartigsten Rohstoffe, die wir im Haus haben, und der mit der bemerkenswertesten Geschichte.
Zwei Kontinente, die nichts voneinander wussten
Das Erstaunliche an Chaga ist nicht, dass ein Volk ihn verwendet hat. Das Erstaunliche ist, dass ihn Völker verwendet haben, die einander nie begegnet sind.
Sibirien
Die estnische Ethnographin Maret Saar lebte 1987 am Großen Jugan in Westsibirien und befragte achtzehn Chanty über ihren Umgang mit Pilzen. Ihre Arbeit erschien 1991 im Journal of Ethnopharmacology und ist bis heute die sauberste Quelle, die es zu diesem Thema gibt.
Sie beschreibt drei Dinge. Man schnitt den Pilz mit dem Messer klein, gab ihn in kochendes Wasser und trank den Sud. Man verbrannte ihn bis zur Rotglut und löste die Asche in heißem Wasser — das ergab eine reinigende Lauge zum Waschen. Und man räucherte mit dem Rauch des brennenden Pilzes. Der Sud galt, so Saar wörtlich, als Mittel „für jede Krankheit“.
Kanada
Achttausend Kilometer entfernt, in den borealen Wäldern Nordamerikas, geschah dasselbe. Die Ethnobotanikerinnen Nancy Turner und Alain Cuerrier haben 2022 zusammengetragen, was indigene Völker Kanadas mit Pilzen taten. Chaga taucht dort mehrfach auf.
Die Woods Cree und die Chipewyan kochten ihn aus und tranken ihn — dieselbe Zubereitung wie am Jugan, ohne dass je jemand von dort erzählt hätte. Die Secwepemc, Gitxsan und Ktunaxa legten angefeuchtete Stückchen auf die Haut über schmerzenden Gelenken und entzündeten sie: eine Form der Moxibustion. Das glimmende Innere diente dazu, Feuer von einem Lagerplatz zum nächsten zu tragen, mitunter in einer Muschelschale. Und man räucherte damit gegen Mücken.
Die Namen erzählen es am schönsten. Bei den Cree heißt er wîsahkêcâhk omikîh — „Wisakecaks Schorf“, nach der Gestalt aus ihren Erzählungen. Bei den Syilx stiʔíkw, „brennende Kohle“. Bei den Dakelh diyu, „es glimmt“.
Nordeuropa
Und dazwischen, rund um die Ostsee, dasselbe Bild. Auf Finnisch heißt er pakuri, auf Estnisch must pässik — „schwarzer Porling“. Die Norweger nannten ihn kreftkjuke, wörtlich „Krebsporling“; ein Name, der zeigt, welche Hoffnungen sich früh an ihn hefteten. Finnische Soldaten brühten ihn im Zweiten Weltkrieg auf, als es keinen Kaffee mehr gab. In Sibirien tranken ihn Bauern statt Tee, wenn das Geld knapp war — und offenbar auch dann noch, wenn es das nicht mehr war.
Warum das etwas heißt
Ein Volk kann sich irren. Ein Dutzend Völker auf zwei Kontinenten, die einander nie gesehen haben und trotzdem denselben schwarzen Knoten vom Birkenstamm holen, ihn stundenlang auskochen und die Mühe über Generationen wiederholen — das ist etwas anderes.
Menschen, die im borealen Wald ums Überleben arbeiten, wiederholen keine aufwendige Prozedur ohne Grund. Chaga muss lange gekocht werden; er gibt sich nicht schnell her. Niemand tut das über Generationen aus Versehen.
Genau das ist es, was Volksmedizin wert ist: nicht Beweis, aber der historisch erfolgreichste Wegweiser, den die Pharmazie je hatte. Aus der Weidenrinde wurde Aspirin. Aus Artemisia annua — bei uns im Regal, in China seit dem vierten Jahrhundert gegen Fieber verwendet — wurde Artemisinin, für dessen Entdeckung Tu Youyou 2015 den Nobelpreis für Medizin erhielt. Die Suche begann in beiden Fällen dort, wo Menschen etwas seit Langem taten, und niemand wusste warum.
Ehrlich bleibt zu sagen: Tradition allein beweist nichts. Der Aderlass war zweitausend Jahre lang medizinischer Standard. Und man sollte auch bei den Zahlen genau bleiben — die ältesten schriftlichen Berichte über Chaga als Heilmittel stammen aus dem 18. und 19. Jahrhundert; wer von Jahrtausenden spricht, schreibt eine Zahl ab, die niemand belegen kann. Es sind Jahrhunderte, nicht Jahrtausende. Aber es sind Jahrhunderte auf zwei Kontinenten gleichzeitig, und das wiegt schwerer als eine große Zahl.
Als ein Staat hinsah
1955 blieb es nicht bei der Überlieferung. Das Gesundheitsministerium der UdSSR nahm die Chaga-Abkochung in die Staatspharmakopöe auf — als Befunginum, ein wässriger Extrakt, den es bis heute gibt. Das war keine Erzählung am Lagerfeuer, sondern eine Behörde, die eine Volksarznei prüfte und in ein Arzneibuch schrieb.
Wofür genau, lohnt den genauen Blick, denn hier wird im Netz viel behauptet. Registriert war Befungin für chronische Gastritis, für Bewegungsstörungen des Magen-Darm-Trakts und für das Magengeschwür — und, wörtlich, „als symptomatisches Mittel zur Verbesserung des Allgemeinzustands“. Es war ein Allgemeintonikum, und als solches stand es siebzig Jahre lang im russischen Arzneibuch.
Warum ausgerechnet dieser Pilz
Am Birkenstamm wachsen mehrere Pilze. Warum fiel überall die Wahl auf diesen?
Eine Antwort liefert seine Biologie. Chaga ist streng genommen kein Fruchtkörper, sondern ein Sklerotium: eine sterile Myzelmasse, die über Jahre, oft Jahrzehnte, im lebenden Baum heranwächst. In dieser langen Zeit zieht er Stoffe aus der Birke in sich hinein. Betulin und Betulinsäure, die man in ihm findet, stammen nachweislich aus dem Baum, nicht aus dem Pilz.
Dazu kommen seine eigenen Triterpene, allen voran das Inotodiol, sowie die Beta-Glucane, die für Pilze typisch sind, und die wasserlöslichen Melanine, die ihm die schwarze Kruste geben. Über 250 Sekundärstoffe sind bisher beschrieben.
Chaga ist damit chemisch etwas Eigenes: halb Birke, halb Pilz, über Jahrzehnte in einem lebenden Stamm konzentriert. Das erklärt, warum er auffiel — und warum er bis heute erforscht wird.
Was über die Wirkung von Chaga bekannt ist
Es gibt zu Chaga viel Laborarbeit, aber noch wenig Studien am Menschen. Was in Zellkulturen und Mausmodellen gezeigt wurde, lässt sich nicht auf die Tasse übertragen, und wir tun nicht so, als ginge das.
In der Europäischen Union ist für Chaga kein gesundheitsbezogener Claim zugelassen — wir dürfen hier also nichts versprechen, und wir tun es nicht. Das sagt allerdings weniger über den Pilz aus, als man meinen könnte: Das EU-Zulassungsverfahren für gesundheitsbezogene Angaben ist aufwendig und wurde für pflanzliche Stoffe und Pilze bisher kaum je abgeschlossen. Auch für den Reishi, zu dem es seit Jahrzehnten Forschung gibt, existiert keine einzige zugelassene Angabe. Das Fehlen eines Claims ist eine Aussage über ein Verfahren, nicht über eine Pflanze.
Was wir Ihnen anbieten können, ist deshalb kein Versprechen, sondern das: eine über Jahrhunderte auf zwei Kontinenten gewachsene Tradition, ein außergewöhnlicher Rohstoff und die Sorgfalt, mit der wir ihn verarbeiten.
Chaga als Tee: warum ein Aufguss nicht genügt
Wer Chaga zubereitet, stößt auf ein Problem, das in seiner Chemie liegt: Die interessanten Stoffe lösen sich nicht im selben Medium.
Die Beta-Glucane stecken in einer chitinhaltigen Zellwand. Die bricht erst auf, wenn man lange in Wasser kocht — ein Absud also, kein kurzer Aufguss. Genau so beschreiben es sowohl die Chanty am Jugan als auch die Cree in Kanada: klein schneiden, ins Wasser, lange ziehen und köcheln lassen. Wer Chaga wie einen Kräutertee drei Minuten überbrüht, bekommt gefärbtes Wasser.
Die Triterpene dagegen — Inotodiol, Betulin, Betulinsäure — sind praktisch wasserunlöslich; im Labor werden sie ausnahmslos mit Alkohol gewonnen. Ein Wasserabsud enthält sie kaum. Für den vollen Auszug braucht es deshalb beides: Wasser und Alkohol.
Wer den Weg über die Tasse gehen will, ohne stundenlang zu kochen, nimmt unseren Chaga Chai: Chaga mit Ingwer, Nelken und Zimt auf Rooibos, portioniert und lange ziehen gelassen — mindestens zehn Minuten, gern auch fünfzehn.
Pulver, Kapseln oder Tinktur — was ist der Unterschied?
Der größte Unterschied liegt nicht in der Darreichungsform, sondern im Rohstoff.
Ein erheblicher Teil dessen, was als Chaga-Pulver oder -Kapsel verkauft wird, ist gar nicht der schwarze Knoten vom Birkenstamm, sondern auf Getreide gezüchtetes Myzel, das mitsamt dem Substrat vermahlen und sprühgetrocknet wird. Was dabei herauskommt, hat mit einem Pilz, der Jahrzehnte in einer lebenden Birke gewachsen ist, wenig zu tun. Ein Blick auf die Zutatenliste hilft: Steht dort „Myzel“ oder „mycelium biomass“, ist es das.
Unsere Chaga-Tinktur wird über sechs Wochen dreifach extrahiert — mit Alkohol, Wasser und Glycerin —, aus dem ganzen, gewachsenen Chaga-Knoten, ohne Myzel und ohne Getreidesubstrat, handgemacht in Wien in kleinen Chargen. Die Wasserphase holt die Beta-Glucane und Melanine, die Alkoholphase die Triterpene. Erst beide zusammen bilden ab, was in diesem Pilz steckt.
Zur Wortwahl: Im Handel heißt das üblicherweise „100 % Fruchtkörper“, im Gegensatz zu Myzel auf Getreide. Botanisch stimmt der Begriff bei Chaga nicht ganz — der schwarze Knoten ist ein Sklerotium, kein Fruchtkörper. Gemeint ist in beiden Fällen dasselbe: der ganze gewachsene Pilz.
Die Tasse für jeden Tag
Der alltagstauglichste Weg ist der Latte. Chaga Latte: Home verbindet Chaga und Reishi mit Lupinenkaffee und Ceylon-Zimt: röstig und cremig, ohne Koffein und ohne zugesetzten Zucker. Ein Esslöffel in warme Pflanzenmilch, nach Geschmack süßen. Ein Glas mit 120 g reicht für rund 45 Tassen — das sind etwa 86 Cent pro Tasse, weniger als ein Drittel einer Wiener Melange.
Und wer die konzentrierte Form will, ohne täglich zu kochen, nimmt die Tinktur — tropfenweise, in Wasser oder direkt.
Zur Menge
Ein Punkt gehört dazu, den die meisten Anbieter weglassen. Chaga enthält viel Oxalsäure, deutlich mehr als Rhabarber oder Spinat. Übermäßige Einnahme von Oxalsäure kann die Niere belasten. Wir reden dabei von mehreren Gramm Pulver täglich über Jahre, nicht von einer Tasse täglich. Ja, auch hier gilt, genau wie bei Salz und Zucker, Paracelsus: Die Dosis macht das Gift.
Für den täglichen Latte oder Tee ist das kein Thema. Nicht geeignet ist Chaga bei Nierenerkrankungen und Neigung zu Oxalatsteinen, unter gerinnungshemmenden oder blutzuckersenkenden Medikamenten, vor Operationen sowie in Schwangerschaft und Stillzeit.
Häufige Fragen zu Chaga
Wie schmeckt Chaga?
Dunkel und erdig, mit einer weichen, fast vanilligen Note — deutlich gefälliger als die meisten anderen Pilztees. Als Latte mit aufgeschäumter Hafermilch erinnert er eher an Kaffee als an Tee.
Ist Chaga wirklich ein Pilz?
Nicht ganz. Was geerntet wird, ist ein Sklerotium — eine sterile Myzelmasse, die über Jahre im lebenden Baum heranwächst. Der eigentliche Fruchtkörper bildet sich flach unter der Rinde und bricht erst hervor, wenn der Baum bereits stirbt; gesammelt wird er praktisch nie.
Wie bereite ich Chaga-Tee richtig zu?
Nicht wie Kräutertee. Chaga braucht einen langen Absud statt eines kurzen Aufgusses: kleine Stücke, viel Zeit, gern eine Stunde und mehr köcheln lassen. Bei unserem Chai genügen zehn bis fünfzehn Minuten Ziehzeit, weil der Pilz dort fein vermahlen ist.
Wie lange kann ich Chaga nehmen?
Langzeitdaten am Menschen fehlen. Wegen des hohen Oxalatgehalts ist eine Tasse täglich etwas anderes als grammweise Pulver über Monate — bei dauerhaft hoher Dosierung sollte man ärztlichen Rat einholen.
Kann ich Chaga mit anderen Pilzen kombinieren?
Ja, das ist die übliche Praxis. In unserem Latte steht Chaga zusammen mit Reishi; in der Tinktur bleibt er für sich.
Warum steht auf der Packung nicht, wogegen Chaga hilft?
Weil es niemand schreiben darf. In der Europäischen Union ist für Chaga keine gesundheitsbezogene Angabe zugelassen, und krankheitsbezogene Aussagen sind für Lebensmittel generell verboten. Wer Ihnen bei Chaga konkrete Wirkungen zusichert, verstößt entweder gegen geltendes Recht oder verspricht etwas, das niemand belegen kann.
Zum Schluss
Ein Pilz, der Jahrzehnte in einem lebenden Baum wächst, außen wie Kohle aussieht und innen goldbraun leuchtet. Den die Chanty am Jugan auskochten und die Cree in Nordkanada, ohne je voneinander gehört zu haben. Der finnische Soldaten durch einen Winter ohne Kaffee brachte und siebzig Jahre lang im russischen Arzneibuch stand.
Wir versprechen Ihnen nichts, was wir nicht belegen können. Aber wir halten ihn für einen der interessantesten Rohstoffe, die es gibt — und für einen sehr guten Beginn des Tages.
Quellen: Saar M. Fungi in Khanty folk medicine. Journal of Ethnopharmacology 1991;31(2):175–179 · Turner NJ, Cuerrier A. Botany 2022;100(2) · Prakofjewa J et al. IMA Fungus 2024;15:22 · Fordjour E et al. Frontiers in Pharmacology 2023;14:1273786 · Géry A et al. Integrative Cancer Therapies 2018;17:832–843 · Sułkowska-Ziaja K et al. Molecules 2023;28:4907 · Lee S et al. J Korean Med Sci 2020;35(19):e122 · Kwon O et al. Medicine 2022;101(10):e28997 · Beug MW, North American Mycological Association 2019 · Befungin, Register der Arzneimittel Russlands · EU-Register der zugelassenen gesundheitsbezogenen Angaben, VO (EG) 1924/2006
Nahrungsergänzungsmittel sind kein Ersatz für eine ausgewogene Ernährung und einen gesunden Lebensstil. Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.
